Ein Mann mit Biss und Individualität - 13 Fragen an Marco Mehring

                Nikolai Will, selbst Schauspieler, interviewte mich für seine Serie "13 Fragen an..." 

 

Heute möchte ich Euch Marco Mehring vorstellen. Einen Schauspieler den ich letztes Jahr über Facebook kennen- und schätzengelernt habe!Ich kenne bisher sein Schaffen nur über sein Demoband, aber diese 10 äusserst facettenreichen Minuten zeigen, zu was für intensiven Darstellungen Marco in der Lage ist. Sein Spiel erinnert mich zuweilen an den leider viel zu früh verstorbenen Frank Giering. Darüber hinaus spielt Marco mit grosser Leidenschaft Theater und ist auch als Regisseur, Autor und Kulturmanager in Hamburg tätig.

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1.) Hallo Marco, stell Dich mal kurz vor?

Ich bin Marco Mehring, komme aus Freiburg im Breisgau, wo ich auch die Schauspielschule besucht und 2001 abgeschlossen habe. Ich kam "erst" mit 23 Jahren zur Schauspielerei, da ich davor noch andere Dinge zu erledigen hatte, wie z.B. Rettungssanitäter, Heilerziehungspfleger, OP-Helfer, verschiedene Praktika und diversen Träumereien, die ich mir erfüllen wollte, bevor ich dann eher wieder den "verschütteten Traum" Schauspiel wiederentdeckte. Ich kam, wie wahrscheinlich viele von meinen Kollegen, das erste Mal in der Schule mit Theater in Berührung. Jetzt lebe ich seit 5 Jahren in Hamburg  und gewöhne mich langsam an den Norden.


2.) Was war Dein Berufswunsch als Kind?

Oh, ich hatte, glaub ich, keinen direkten Wunsch als Kind. Ich habe wenig über meine Zukunft nachgedacht. Hmmm. Das Ging dann wohl von Müllmann bis Astronaut, soweit ich mich erinnern kann (lacht).

3.) Warum bist Du Schauspieler geworden?

Ich denke, ich konnte irgendwann nicht mehr anders, da mir die übrige Berufswelt nicht die Perspektiven gab, die ich zum Leben brauchte. Meine Studienzeit war auch relativ hart, ich musste vieles revidieren, was ich kannte und Neues, unbekanntes in mir aufbauen, auf das ich erst wenig Lust hatte. Aber ich konnte meine bisherigen Lebenserfahrungen darin gut integrieren und so kam dann eins zum anderen. Natürlich stellt sich das "Warum" am Anfang anders als jetzt, nach 10 Jahren Berufserfahrung. Das ändert sich mit dem Lebensalter. Heute würde ich sagen, ich mag es sehr gerne, wenn ich Menschen für einige Zeit auf eine anderen gedanklichen Hintergrund bringen und vielleicht, im Glücksfall, dazu inspirieren kann, über Dinge nachzudenken, die sie sonst nicht so auf der Agenda haben.

4.) Du bist ja nicht nur auf der Bühne und vor der Kamera präsent, sondern auch dahinter als Drehbuchautor und Regisseur, sowie als Kulturmanager. Wie kam es dazu, dass Dich auch die andere Seite interessiert?
Das war ein Prozess, der sich langsam entwickelt hat. Zu Regie und zum Drehbuchschreiben kam ich durch Zufall, als ich nach meinem Studium was eigenes aufbauen wollte, anstatt auf andere zu hoffen, die mich in ihren Filme haben wollten, respektive zu warten bis ich "entdeckt" werden würde. Ich habe dann "Junger Film Freiburg" mit ein paar anderen Schauspielern gegründet, später kamen dann diverse Crewmitglieder dazu und Philipp Döring, mit dem ich dann ein paar anständige Filme gedreht habe. Natürlich habe ich nicht "einfach so" Regie geführt und Drehbücher geschrieben. Ich habe Workshops besucht, viel Autodidaktisches untergebracht und Dinge verarbeitet, die mir bis dato im Leben begegnet sind.
Wir haben ein paar schöne Erfolge gefeiert, sind mit der Zeit aber aus beruflichen Gründen wieder auseinander gegangen. Übrig blieb natürlich die Affinität zu anderen "Kulturberufen", wie dem des Kulturmanagers, obwohl das ja ein sehr moderner Begriff ist. Karl Valentin meinte einmal: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit". Und so sehe ich das auch. Wenn man etwas gründen möchte und selbständig arbeitet, muß man sich in Aquise genauso gut auskennen, wie im "Social Marketing", "Crowdfunding" und in der Öffentlichkeitsarbeit. Als freiberuflicher Schauspieler kommt man da sehr schnell an seine Grenzen. Mich fasziniert die These, dass man immer noch "mehr in die Tiefe gehen kann", sowohl theoretisch, praktisch, aber auch aus Interesse an humanistischen und "kulturphilosophischen" Gesichtspunkten.

 

5.) Darüber hinaus bist Du auch noch umweltpolitisch und sozial engagiert. Wie sieht das denn genau aus?

Ich habe 2001 und 2002/ 2003 in Kanada und den USA als Umweltaktivist für verschiedene Organisationen gearbeitet. Das hat mir die Augen hinsichtlich dessen geöffnet, was noch möglich ist und was es für Anstrengungen braucht, um Dinge zu verändern. Bei der ersten Organisation ging es um den Umweltschutz in Form von "Rettet den letzten nordischen Regenwald" (British Columbia, Kanada), bei einer anderen eher um konkreten Tierschutz. Ich bin seit langen Jahren Vegetarier und war schon als Kind sehr tierlieb mit einem Hang zu ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn (lacht). Diese Arbeiten und auch andere hinsichtlich des Aktivismusses verfolge ich noch heute und trage aktiv dazu bei, dass sich Dinge in die richtige Richtung drehen. Sozial engagiert bin ich insofern, als dass ich sehr intensiv die Tagespolitik( gerade auch alternative Medien) verfolge, mich in politische
Diskurse einmische, auch für verschiedene Dinge auf die Straße gehe und meinen Mund aufmache, gerade wenn es um die Sozialpolitik hier in Deutschland geht, die in den letzten Jahren doch sehr unter die Räder gekommen ist.

 

6.) Film oder Theater?

Schwierige Frage: Tendenziell würde ich sagen: Eher Theater im Herzen, Film im Kopf.
Es hat sich in den letzten Jahren in der Theaterszene viel geändert. Häuser wurden, hinsichtlich der wirtschaftlichen Gesamtlage, geschlossen, Spielpläne radikal gekürzt, die verstaubten Klassiker wieder hervorgeholt, bei denen man sicher sein kann, dass sie sich "verkaufen" ,darüber wurden aber die aktuellen Themata außer acht gelassen. Ich spreche hier vom Theater "in der Breite", jetzt nicht unbedingt von Thalia und Co.
Das ist schade, da Theater ja noch diesen, Achtung jetzt kommt ein gruseliges Wort,
"Bildungs- und Lehrauftrag" hat. Leider haben viele Theater ihre Basis verloren, welches aber die Chance für die "freie Szene" ist, das "Stöckchen aufzuheben" und zurück zu werfen. Raum für experimentelle Dinge, Stücke, Collagen gibt es hier immer mehr und auch hier schlägt mein Herz am dollsten, da ich denke, dass Theater auch "verstören" soll und muß und nicht nur für den "Bildungsbürger mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund" erreichbar sein darf.
Ich denke, es geht auch anderen Theaterschaffenden wie mir. Es gilt, diese zu finden.
Dann möchte ich gerne an einem festen Haus spielen. Mit Menschen, die nicht Dienst nach Vorschrift abliefern sondern sich immer wieder die Frage stellen, was die Rolle oder das Stück mit uns Menschen und mit unserer Zeit zu tun hat.
Ich liebe Theater sehr und es ist der Ursprung dessen, warum ich diesen Beruf gewählt habe.
Film ist immer in meinem Kopf. Für mich, der viele Filme schaut und "konsumiert" meist ein Zwitter von Technik und kühler Eleganz, gepaart mit hohen Emotionen. Deshalb spiele ich es auch gerne. In dem letzten Spielfilm, in dem ich die Hauptrolle gespielt habe, "Schlafende Hunde" (www.schlafende-hunde-film.de) hat das insofern sehr schön funktioniert, da ich auf Menschen getroffen bin, die diese Leidenschaft und die Vision haben und hatten, gutes Schauspielerkino zu machen.

 

7.) Du bist jetzt 36 Jahre alt, wie kommt es dass ein Schauspieler mit Deinem Talent und Deiner Vielfältigkeit kein Star ist? Kann es sein dass nur das gefällige Mittelmaß im Film und Fernsehen Karriere macht?

Haha! Sehr gute Frage. Anscheinend ist man in dem Alter auf "dem Markt" schon ein Methusalem. Ist aber typisch deutsch. Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich wohl diesen "Karrieregedanken" nie in mir gepflanzt habe. Darüber hinaus ist es auch meist ein "Bündel" von Zeit, Raum und Verbindungen, die manche Menschen berühmt macht und andere nicht. "Talent" ist nicht immer alles. Ich habe viele Kollegen kennen gelernt, die den Beruf aufgegeben haben, es lag m. E. aber weniger am Talent an sich, sondern vielmehr an einem Konglomerat an äußeren und inneren Dingen und der Ausdauer. Ich arbeite sehr, sehr gerne in meinem Beruf, mache aber nicht "alles" was mir angeboten wird und denke, dass ich damit gut gefahren bin. Es ist klar, dass man sich in der Schauspielerei verkaufen muß. Aber es gibt Grenzen und es gibt einige Kollegen, die diese Grenzen nicht haben. Dass müssen sie aber mit sich ausmachen. Natürlich sind Menschen, die keine Ecken und Kanten haben und über die man "verfügen" kann "beliebter" in dem Sinn, dass sie eine Illusion verkaufen, die es aber, so meine Meinung, nicht gibt. Das ist aber ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ich finde es ein stückweit beängstigend, aber auch bewundernswert, wenn Menschen "straight" ihren Weg gehen, nicht nach rechts oder links schauen, sondern nur ihr Ziel im Blick haben. Ich bin persönlich ein sehr zielgerichteter Mensch, gehe aber manchmal abseits des Weges auch gerne eine Tasse Tee trinken oder pflücke ein paar Blumen. Ich denke nicht, daß nur "das gefällige Mittelmaß" Karriere macht. Karriere ist ganz stark mit äußeren Faktoren verbunden und dann leben wir natürlich in einer Zeit, wo "Quote" alles ist. Da nimmt man halt 30 Schauspieler, die man in den und den Rollen schon gesehen hat, besetzt sie danach und dann weiß man aus "Sender-Produzenten-Redakteurs-Sicht", das im Großen und Ganzen nix schief gehen kann, bevor man sich die Finger mit unbekannten Gesichtern verbrennt. Aber das ist wahrscheinlich nur die halbe Wahrheit. Ich muß aber konstatieren, dass ich denke, dass die Risikobereitschaft fast gen Null tendiert.
Noch etwas zur eigenen Person: 36 ist kein Alter, ich sehe viel jünger aus und benehme mich auch so!(lacht)

 

8.) Du hast ein sehr bewegtes Leben hinter Dir, inwiefern hat Dich dass in Hinsicht auf die Schauspielerei geprägt?

Ich bin ein Mensch mit starkem Willen und Urvertrauen. Ich möchte hierzu Henry David Thoreau zitieren, welches für mich ganz gut passt.
"Das eine wenigstens lernte ich bei meinen Experimenten: Wenn jemand vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume vorwärts schreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildete, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nichts träumen ließ. Er wird mancherlei hinter sich lassen, wird eine unsichtbare Grenze überschreiten. Neue, allgemeine und freiere Gesetze werden sich um ihn und in ihm bilden oder die alten werden ausgedehnt und zu seinen Gunsten in freierem Sinne ausgelegt werden."


9.) Was macht einen guten Regisseur aus?

Das er dem Schauspieler vermitteln kann, auf welche Reise es geht und das er das Potential sieht, auch wenn es manchmal ein wenig verschüttet liegt. Außerdem sollte er Fingerspitzengefühl und Geduld haben und ganz wichtig: Eine Vision.


10.) Was macht einen guten Kollegen aus?

Gute Kollegen haben Achtung voreinander, Respekt, sind pünktlich, können ihren Text, sind wach und klar.

11.) Ein Schauspieltip?

Laß dich nicht so sehr von Äußerlichkeiten ablenken und täuschen. Wenn der Atem tief sitzt und dein Geist klar ist, kann dir alles widerfahren. Vertraue auf das, was du kannst und was du gelernt hast, sowie auf deinen Instinkt, alles richtig zu machen. Und: Lies Stanislawskij (lacht)!!!!

12.) Wie möchtest Du einmal von "der Bühne des Lebens" abtreten?

Johann Wolfgang von Goethe soll ja kurz vor seinem letzten Atemzug gesagt haben: "Mehr Licht!" Das ist sehr schön. Damit halte ich es auch.

13.) Wo siehst Du Dich in 10 Jahren und darf ich Dich in ein paar Jahren nochmal interviewen?

Oh, ich hoffe ich bin ein zufriedener Mensch und habe mir meinen Biss und meine Individualität behalten. Ich hätte, soweit ich das heute beurteilen kann, gerne einen schönen Job in einem feinen Ensemble, welches mich fördert und unterstützt.
Und ja, sehr gerne beantworte ich in Zukunft weitere Fragen von dir!